Die Zukunft Venedigs

7. November 2006

Wie berichtet, konnte die letzte Veranstaltung anläßlich des Jahrestags der Flut nicht befriedigen. Das Istituto Veneto hat nun am 02. November einen Studientag zum Thema Un futuro per Venezia? Riflessioni a 40 anni dall’alluvione del 1966 veranstaltet. Obschon ein Grußwort des Bürgermeisters Massimo Cacciari angekündigt gewesen war, zog dieser kurzfristig eine Demonstration in Mestre der Gelehrtenkonferenz vor.

Unter den Vortragenden waren unter anderem die Professoren Ignazio Musu und Gherardo Ortalli sowie Prof. em. Wolfgang Wolters, international geachteter Experte zum Thema Denkmalpflege nicht nur in Venedig. Es zeigte sich sehr schnell, daß das Thema Tourismus am stärksten die Gemüter erhitzte. Vor Beginn der Vorträge hatten Unbekannte, die sich als “Ultimi veri venexiani” - letzte echte Venezianer - bezeichnen, ein polemisches Flugblatt auflegen lassen, in dem der Fremdenverkehr als die schlimmste Plage gegeißelt wurde. Während der Ökonom Musu der Auffassung ist, daß die Vorteile des Tourismus insgesamt überwiegten, vertrat Ortalli mit Nachdruck die These, daß ein weiteres Wachstum des Fremdenverkehrs für die Stadt nicht zu verkraften sei. Dies könne nur durch das Verhindern weiterer neuer Hotels und sonstiger Übernachtungsmöglichkeiten erreicht werden. Die Einzigartigkeit Venedigs bestehe nicht nur in der berauschenden Szenographie, sondern auch darin, daß es sich um eine “vollständige” Stadt mit Funktionsmischung und vor allem Wohnen handle. Deren Fortbestehen sei für die Existenz Venedigs unabdingbar. Auch Patriarch Angelo Scola hielt ein Referat auf der Tagung und stimmte mit Ortalli darin überin, daß ein weiterer Rückgang der Einwohnerzahl verhindert werden müsse. In den Pfarreien der Lagunenstadt konstatieren die Priester immer mehr eine caduta di voglio di vita - eine Unlust, in Venedig zu leben, und die Aufgabe der Kirche bestehe darin, den noch verbliebenen Venezianern eine Perspektive zu geben. Jedoch wurde seine Aufforderung, daß die Bewohner Venedigs und Mestres mehr Verständnis füreinander aufbringen und zur Lösung der Probleme besser kooperieren sollten, reserviert aufgenommen, sind die Probleme der beiden politisch zwangsvereinigten Städte und ihre Einwohnerstrukturen doch zu unterschiedlich.

Kurioserweise wurder unter den Institutionen, welche zu einer Lösung der demographischen wie ökonomischen Probleme Venedigs beitragen sollten, die Universität an erster Stelle aufgeführt - eben jene Universität, die sich mit ihrer geradezu perversen Immobilienpolitik von zahlreichen Denkmalen trennt und so zum Ausverkauf des baulichen Erbes Venedigs in erheblichem Maße mit beiträgt. Die von einem der Vortragenden präsentierte Rechnung - lieber ein chinesischer Tourist weniger und ein chinesischer Student mehr - ist zu absurd, um aufgehen zu können. Abgesehen von “experimentellen multikulturellen Biotop”, das nebenbei auch die demographischen Defekte der venezianischen Gesellschaft reparieren soll, wurden keine neuen Lösungsvorschläge eingebracht, sondern bekannte Probleme, allen voran eine inkompetente Verwaltung, nochmals thematisiert und auf vergangene Studien verwiesen.

2 Kommentare to “Die Zukunft Venedigs”

  1. Tirilli meint:

    Hallo unbekannter Schreiber!
    Danke für den Kommentar bei mir, so konnte ich dieses interessante Blog finden.
    Es ist ein unlösbares Problem, uns Touris werdet ihr nicht los. Weder mit hohen Preisen, noch mit Eintritt, wie er ja durch erhöhte Gebühren teilweise schon geleistet wird. (Wenn Eintritt der Stadtgemeinde und damit den unter uns leidenden Einwohnern bzw. zur Erhaltung dient, sehe ich es ein!)
    Gott sei Dank betrifft der Massenauflauf nicht die ganze Stadt sondern nur die Trampelpfade. Nächstes Mal habe ich vor, in stillere Stadtteile zu pilgern, also drohen wir Touristen auch noch auszuscheren ;-)
    Ich hatte übrigens noch einen Vendedigbeitrag (http://tirilli.designblog.de/index.php?id=1584) Das leuchtende Foto vom Canal Grande stelle ich demnächst neben anderen in großem Format in meine Galerie. Und herrlich gegessen haben wir, es war eher schon eine Fressorgie, so gut kann man nur in bella Italia sündigen! *g* ;-))http://tirilli.designblog.de/index.php?id=1583
    Jetzt werde ich noch etwas über seltsame Dottore-Rufe bloggen.
    Herzliche Grüße
    Tirilli

  2. Z.P. meint:

    Hallo Tirilli,
    wir wollen ja nicht “die Touris” loswerden, sondern nur bestimmte Untergruppen. Und selbstredend ist der Fremdenverkehr aus der Stadt seit dem 18. Jahrhundert auch gar nicht wegzudenken. Tourismus, der aber im Ausleeren von Busladungen auf dem Tronchetto am Morgen, und dem Einsammeln derselben am Abend, nachdem sie wie eine Herde durch die Gassen getrieben sind oder wurden, ist nicht wünschenswert und auch nicht erwünscht. Wir wollen Leute, die sich mit der Stadt geistig und ästhetisch auseinandersetzen, und hierzu ist es unabdingbar, daß man auch länger als einen oder zwei Tage hier ist, und daß man Verstand und Verständnis mitbringt. Du darfst also gerne wiederkommen ;-)

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