Ende Dezember 2008 wurde nach jahrelanger Restaurierung das Museum im Palazzo Grimani eröffnet. Der von außen unscheinbare, herbe Bau wurde bald nach der Mitte des 16. Jahrhunderts für Giovanni Grimani, Patriarchen von Acquileia, errichtet und in der Folge von den Nachkommen seines Bruders Vettor bis ins 19. Jahrhundert bewohnt. Nach dem Aussterben dieser Linie der Grimani genannt “Spago” verfiel der Palast und wurde schließlich vom italienischen Staat erworben. Die prachtvollen erhaltenen Innenausstattungen der Renaissance werden jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allerdings handelt es sich nicht um ein Museum im klassischen Sinne, wo bald nach dem Eingangstor ein Schalter zum Erwerb von Eintrittskarten existiert: stattdessen informiert ein Aushang vor dem Portal, daß der Eintritt nur auf der offiziellen Internetseite des Palazzo Grimani gebucht werden kann. Dort wird man aufgefordert, sich für eine der verpflichtenden Führungen, welche dreimal am Tage stattfinden, anzumelden, und via Kreditkarte einen Euro als “Reservierungsgebühr” zu überweisen. Das komplizierte, in ähnlicher Form bereits an der Cappella degli Scrovegni in Padua eingesetzte System hat aber auch seine guten Seiten: durch die künstliche Nachfrageregulierung bleiben jene Touristen außen vor, auf die Venedig ohnehin lieber verzichten würde.
Anläßlich der Restaurierung ist auch eine empfehlenswerte Publikation im Verlagshaus scripta erschienen.

Eine böse Überraschung gab es am Vormittag des ersten Dezember für Venezianer und ihre Gäste: Acqua alta mit 159 cm über dem normalen Niveau. Damit blieb die bisherige Rekordmarke des neuen Jahrtausends nur wenige Zentimeter unter der berühmten Flut des vorherigen Jahrhunderts. Schuld war, wie zumeist, der Scirocco-Wind, der gewaltige Wassermassen in die Hafeneinfahrten bei Punta Sabbioni und Chioggia drückte. Die noch in den Morgenstunden ausgelegten “passerelle”, Stege, welche an besonders frequentierten Stellen wie der Riva degli Schiavoni den Fußgängerverkehr erlauben sollten, wurden teilweise einfach weggespült, in jedem Falle aber unpassierbar. Ein angekündigter und bis zum Ende durchgehaltener Streik der Verkehrsbetriebe brachte die Infrastruktur vollends zum Erliegen. Erste Schätzungen gehen von Schäden bis zu zehn Millionen Euro aus, die vor allem Geschäftsleuten entstanden, die ihre Läden nicht rechtzeitig abdichten konnten. Auch der Weihnachtsmarkt auf dem Campo San Stefano war betroffen.
Verteidiger des umstrittenen, im Bau befindlichen Hochwasserschutzsystems “MOSE” sehen sich nunmehr in ihrer Haltung bestätigt und fordern die Gegner auf, ihren Widerstand aufzugeben. Selbst der amtierende Bürgermeister Cacciari, der sich bislang, nicht zuletzt mit dem Ziel des Stimmenfangs am linken Rand, in die Reihen der “NO MOSE” einordnete, scheint mittlerweile nachdenklich geworden zu sein.

Weiß gewinnt gegen Rot

11. Juni 2008

Immer wenn es ans Abbauen der Baugerüste an Fassaden geht, steigt die Spannung. Wieviel ist noch übrig? Und wie ist der neue Verputz? Ungeachtet der zahlreichen unangenehmen Überraschungen, die die Architekten jüngst bereithielten, gibt es auch positive Beispiele, zuvörderst die in der Endphase befindliche, vom Architekten Maurizio Erlicher durchgeführte Neuverputzung des Palazzo Mocenigo Casa Vecchia gegenüber der Vaporettohaltestelle San Tomà, der jüngst in mehrere Wohnungen aufgeteilt wurde. Erfreulicherweise hat man sich entschieden, den ockerfarbenen Putz des 20. Jahrhunderts durch einen weißen Marmorino zu ersetzen, der der ursprünglichen Farbgebung entsprechen dürfte. Durch den Verzicht auf die Reinigung der Steinteile fällt der Kontrast nicht so stark aus. Weniger glücklich endeten die Putzarbeiten am Palazzo Barbarigo della Terrazza, dem Sitz des Deutschen Studienzentrums in Venedig: nach einem halben Jahr, in dem man vergeblich hoffen durfte, daß die neue rote Farbe an der Seite zum Canal Grande etwas von ihrer Aggressivität verliert, zeigt sich der ohnehin nicht besonders ansehnliche Palazzo in drei verschiedenen Putztönen in Rot und Grau. Warum das Denkmalamt hier nicht auf einem ähnlichen Verputz in weißem Marmorino bestand, wie er immerhin durch die Ansicht von Canaletto belegt ist, bleibt ein Rätsel. Auch im Ensemble mit den Nachbargebäuden ist das Ergebnis unbefriedigend.

Seit Ende April ist das Verkaufen von Futter sowie das Füttern der Tauben auf dem Markusplatz verboten. Seitdem schwelt die Diskussion, wie die Ex-Futterverkäufer, die sich täglich zwischen den beiden Säulen versammeln, für den Verlust ihrer Lizenzen zu entschädigen sind: durch eine Einmalzahlung, oder durch Ersatzlizenzen für den Verkauf von Souvenirs. Letzteres würde freilich nur zu einer weiteren Disneyfizierung Venedigs beitragen. Da die Verkäufer, die mittlerweile auch vor Gericht erstinstanzlich in der Klage gegen das Verbot unterlagen, aber weiterhin bis zu dreißig Futtersäckchen in der Stunde verkaufen, hat die Stadtverwaltung nach langem tatenlosen Zusehen nun ein Exempel statuiert und in einem Fall einen Strafbefehl über 5.000 Euro verschickt. Überhaupt wird verstärkt auch in Zivil patrouilliert, um die Einhaltung des Fütterungsverbots zu erzwingen: so wurden nach Angaben der Zeitung “Gazzettino” ein Dutzend Touristen mit einer Strafe von je 50 Euro belegt. Die Zahl der Stadttauben auf dem Markusplatz hat sich im Laufe des letzten Monats bereits deutlich reduziert.

In der Lagunenstadt sind die Silbermöwen auf dem Vormarsch. Denn sie finden hier Nahrung in Hülle und Fülle. Fische oder Krebse scheinen inzwischen die Ausnahme zu bilden. Vielmehr haben es die riesigen Vögel, deren Geschrei mittlerweile in Venedig so omnipräsent ist wie das Rumoren der Motorboote, beim Öffnen der zahlreichen Müllsäcke, die die Venezianer entgegen der Vorschriften abends vor ihre Häuser stellen, zu erstaunlichen Fertigkeiten gebracht. Bei der Suche nach Freßbarem verstreuen die Möwen die Inhalte der Säcke, so daß man sich besonders morgens beim Anblick einiger Plätze mitunter fragt, ob man noch in Venedig oder schon in Neapel ist. Im Gefolge versuchen auch Stadttauben ihr Glück bei der Futtersuche, doch werden sie oft kurzerhand von den Möwen, die das Angebot gerne annehmen, erlegt und gefressen:

Resistenter als Tauben sind die Ratten. Mehr als eine halbe Stunde lang waren die beiden Möwen mühevoll damit beschäftigt, dem dicken Fell des Nagers etwas Nahrhaftes zu entnehmen:


Dennoch sind die Tiere vergleichsweise scheu. Bei der Annäherung durch Menschen lassen sie schnell von den Müllsäcken ab. Besitzer von Dachterrassen oder Altane goutieren die Vermehrung der Population aus nachvollziehbaren Gründen dennoch nicht.