Giorgio Orsoni neuer Bürgermeister
30. März 2010
Im ersten Wahlgang wurde der Anwalt und Universitätsprofessor Giorgio Orsoni zum neuen Bürgermeister von Großvenedig gewählt. Er setzte sich mit 51% gegen seinen Widersacher, den Staatsminister Renato Brunetta durch. Dabei zeigt sich umso mehr, daß Bürgermeisterwahlen stets Personenwahlen sind, denn auf regionaler Ebene wurde der Kandidat der rechtsgerichteten Lega Nord ebenso klar als Präsident der Region Veneto und Nachfolger von Giancarlo Galan ins Amt gehoben. In der Farbsprache der Parteien ausgedrückt: Venedig bleibt eine “rote” Insel inmitten der “weiß-grünen” Region. Prompt machte der unterlegene Brunetta die mangelnde Loyalität von Lega-Anhängern für die Niederlage mitverantwortlich, was von der Lega prompt zurückgewiesen wurde; vielmehr sei wohl, was auch wahrscheinlich ist, die Weigerung des Ministers, sein Amt im Rom zugunsten Venedigs aufzugeben, ausschlaggebend gewesen.
Orsoni war es bislang gelungen, ein breites Mitte-Links-Bündnis, das von den Kommunisten bis hin zur UDC reicht – ob es, sobald die Verteilungskämpfe beginnen, auch die gesamte Legislaturperiode durchhalten wird, bleibt abzuwarten. Zum Leidwesen vieler Venezianer hat sich Orsoni bereits klar zum Bau der “sublagunare” bekannt, einer U-Bahn, die vom Flughafen über Murano bis hin zum Lido führen soll.
Das Ende der Straßenkünstler
7. Oktober 2006
Der assessore al commercio der Stadt Venedig, Giuseppe Bortoluzzi, kündigt eine härtere Gangart gegen Straßenkünstler, seien es nun die unzähligen Maskierten, die mit hartem albanischen Akzent nach Photos mit Touristen heischen, die schräg spielenenden Zigeunertrios vor den Bars und Restaurants oder Kleinsttheater mit Marionetten, an. Künftig sollen pro Tag nur noch zehn der “Künstler” in der Altstadt ihr Können zum Besten geben dürfen und hierfür zudem eine Genehmigung der Stadt brauchen. Gänzlich untersagt werden sollen Auftritte an einigen Plätzen, darunter dem Campo San Polo, dem Campo Santa Margherita (als ob man hier noch irgend etwas für das Dekorum der Stadt tun könnte) und der Strada Nova.
Der Venedig-Blog meint: Zwar ist die Initiative löblich, doch wenn man nicht ansatzweise in der Lage ist, der Hundertschaften von Schwarzafrikanern, die Tag für Tag gefälschte Guccitaschen usw. feilbieten, Herr zu werden, wird man es auch nicht der Straßenmusikanten.
Mord bei den Giardini
28. September 2006
Bislang waren die sogenannten venditori ambulanti – Ausländer, die sich illegal in Italien befinden und gefälschte Waren verkaufen – vor allem durch Wirtschafts- und Drogendelikte bekannt. Seit gestern aber hat die importierte Kriminalität eine andere Qualität: Bei den Giardini, wo derzeit die Architekturbiennale stattfindet, erstach am hellichten Tage ein Chinese einen Landsmann und Konkurrenten. Der Mörder flüchtete und konnte erst nach mehreren hundert Metern in einer Bar am Campo Santa Maria Formosa gestellt werden. Noch bei seiner Festnahme verletzte er drei Polizisten, die im Krankenhaus behandelt werden mußten.
Freilich meldeten sich sogleich Politiker zu Wort, die jetzt ein rigideres Vorgehen gegen die omnipräsenten Verkäufer von gefälschten Markenartikeln aus dem Luxusbereich wie Taschen oder Rolex-Uhren fordern. Doch hat erst die Laisser-faire-Politik der letzten Jahre hat zu einem ungehinderten Ausbreiten dieser Mafia in Venedig geführt. Der Venedig-Blog geht nicht davon aus, daß sich in absehbarer Zeit etwas ändern wird.
100 Quadratmeter für 100.000 €
26. September 2006
Für diesen Betrag sollte eine Wohnung in einem wunderbaren Palazzetto des 14. Jahrhunderts im Sestiere von San Marco, Calle larga San Lorenzo 5123, den Besitzer wechseln und umgehend für 150.000 € weiterverkauft werden. Der Preis entspricht ungefähr 1/6 bis 1/5 des Marktwerts. Sowohl Verkäufer als auch Käufer sind bekannte Vertreter der lokalen Wirtschaft. Wie der Gazzettino am 26. September meldet, sollte die Transaktion in den Sommermonaten stattfinden – wenn der Stadtrat nicht tagt. Doch die lokale Denkmalbehörde, die aufgrund des historischen Werts der Immobilie eingeschaltet war, setzte den Consiglio Comunale am 2. September verzögert in Kenntnis. Und dieser machte prompt von seinem gesetzlich garantierten Vorkaufsrecht Gebrauch und beschloß am 25. September, die Wohnung für 100.000 Euro zu erwerben. Sie wird künftig Bedürftige beherbergen.
Bereits 2001 hatte die Stadt mit einem ähnlichen Fall für Aufsehen gesorgt. Damals wurde der Palazzo Contarini Mocenigo, ein wichtiger Palast aus dem 16. Jahrhundert, für einen umgerechnet siebenstelligen Euro-Betrag erworben. Er dient seither der Polizei.
Wer bekommt die Dogana?
23. September 2006
Das historische Zollamt Venedigs, die im 17. Jahrhundert umgestaltete Dogana da Mar, befindet sich an einer der städtebaulich sensibelsten Stellen Venedigs am Anfang des Canal Grande. Seit Jahren steht das in Staatsbesitz befindliche Gebäude leer und harrt einer kulturellen Nutzung. Am 22. September wurde die Zusammensetzung der Kommissionen bekannt gegeben, die in Kürze die Entscheidung fällen werden. Der technischen Kommission gehören Achille Bonito Oliva (Kunsthistoriker, Vorsitzender), Giuseppina Dal Canton (Kunsthistorikerin) und Carlo Magnani (IUAV) an.
Bereits 1999 hat die Guggenheim-Stiftung durch das bekannte Architekturbüro Gregotti Associati mit Sitz in Mailand und Venedig einen Entwurf für eine mögliche Erweiterung des im Palazzo Venier dei Leoni befindlichen Museums in der Dogana anfertigen lassen. Doch François Pinault, der jüngst im Palazzo Grassi Teile seiner Kunstammlung unterbrachte, bekundete ebenfalls Interesse an dem trapezförmigen, eingeschossigen Bau mit dem charakteristischen Türmchen. Wie schon beim Palazzo Grassi sollte der minimalistische, renommierte japanische Architekt Tadao Ando den Umbau übernehmen. Angesichts des näher rückenden Termins der Entscheidung und einer vermeintlich geringeren Reputation Gregottis gab Guggenheim am 21. September bekannt, daß nun doch nicht Gregotti, sondern vielmehr Zaha Hadid der Dogana neues Leben einhauchen soll. Hadid, gebürtige Irakerin mit Büro in London, ist durch expressive Bauten (bevorzugt in Sichtbeton) bekannt geworden, deren primäres Ziel es ist, aufzufallen – oft auch unangenehm. Entsprechende Bedenken versucht die Guggenheim im Vorfeld zu zerstreuen: Weder werde das alte Zollhaus abgerissen, noch würden estensioni improprie am Äußeren gemacht werden.
Wie beruhigend. Der Venedig-Blog wünscht sich dennoch unbedingt eine Entscheidung zugunsten von Pinault/Ando.



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