Das Unglück der Costa Concordia vor der Insel Giglio könnte nicht symptomatischer für Venedig, ja für die Situation in Italien insgesamt sein: oberflächlicher Konsum mit faktisch unkalkulierbarem Risiko (“man will den Leuten ja was bieten”). Auch in diesem Jahr werden wieder 300 Meter lange “Luxusliner” durch die Stadt fahren – schwimmende Hotels, die der Stadt Venedig selbst nichts bringen außer Verstopfung der Gassen, aber der staatlichen Hafenbehörde eine goldene Nase garantieren. Doch wer garantiert für die Sicherheit der baulichen Substanz Venedigs? So mehren sich nun erneut vermehrt die Stimmen, welche ein Verbot der Passage von Kreuzfahrschiffen durch den Giudecca-Kanal vorbei an der Klosterinsel San Giorgio Maggiore und dem Markusplatz fordert. Darunter auch das Comitato No Grandi Navi – Laguna Bene Comune, das wieder Proteste mit Transparenten gegen den Kreuzfahrtwahn ankündigt. Angesichts der Luftverschmutzung durch die Schiffe eigentlich ein Feld für alle Grünen, doch ist es stattdessen der pensionerte Staatsanwalt Ennio Fortuna, der für die zentristische UdC im Stadtrat sitzt und jetzt ein umgehendes Verbot fordert. Alternativen freilich gibt es durchaus – man müßte nur entweder die Kreuzfahrtschiffe gleich nach Marghera verlagern und den allfälligen Transport mit kleineren, mit der Lagune eher kompatibleren Zubringerbooten organisieren, oder gleich einen Offshore-Hafen vor dem Lido errichten. Gleichwohl ist im seit Jahren politisch wie kulturell gelähmten Italien in keinem Bereich eine Verbesserung zu erwarten, man muß vielmehr mit dem erfolgreichen Aussitzen des Problems rechnen.

biglietteria elettronica

Ein Musterbeispiel alla veneziana, wie die Stadt doch noch zur Moderne aufschließen kann, lieferte jetzt die Verkehrsgesellschaft ACTV. Im Jahre 2009, immerhin, hat sie es geschafft, eine Handvoll elektronischer Fahrkartenautomaten aufzustellen, von denen einige mittlerweile wieder außer Betrieb, aber mit einem Schild “next opening” ausgestattet sind. Die Bedienbarkeit ohne berührungsempfindlichen Bildschirm und mit seitlich angeordneten, schwergängigen Tasten läßt sehr zu wünschen übrig; die in der Maschine enthaltenen Billets sind offenbar schnell aufgebraucht und werden selten nachgefüllt. Inhaber der carta venezia konnten keine Abonnements aufladen, wenn auf der Chipkarte noch Einzelfahrkarten vorhanden waren. Dementsprechend konnten die sicher teuren Geräte an Stoßtagen nichts zur Verkürzung der Warteschlagen vor normalen Verkaufsschaltern, die auch künftig nicht obsolet werden dürften, beitragen

Venezia crepa!

30. März 2008


Venedig krepiert – mit diesem reißerischen Motto rufen die Associazione Ambientelaguna und das bisher unbekannte “Cittadino contro le navi grandi” zu einer Protestveranstaltung an der Ponte della Paglia bei Dogenpalast am heutigen Sonntag auf, an dem die Kreuzfahrsaison mit dem 293 Meter langen schwimmenden Hochhaus “MSC Music” eröffnet wird. Fortan werden sich allwöchentlich wieder riesige Kreuzfahrtschiffe durch den Giudecca-Kanal schieben und insbesondere mit den von ihnen verursachten Vibrationen Fundamente und Mauern der Bauwerke schädigen. Nicht einmal positive Auswirkungen auf den venezianischen Tourismus sind zu vermelden, da die fast alle Kreuzfahrtgäste keinen Anschlußaufenthalt in der Lagunenstadt buchen.

Im Rahmen einer Immobilientransaktion ging im Jahre 1995 die südlich der Giudecca gelegene Isola della Grazia, bis vor acht Jahren Sitz eines Krankenhauses, von der Region Veneto an die ULSS 12 (eine Art Holding für Einrichtungen des Gesundheitswesens) über. Letzere versteigert nun die Insel. Höchstbieterin ist war bislang die Unternehmerin Giovanna Stefanel aus Treviso, doch Lino Cazzavillan, Eigentümer einer Hotelkette (o Wunder!) erhöhte auf zehn Millionen. Auf dem rund 38000 Quadratmeter großen Eiland befinden sich Gebäude mit 28000 Kubikmetern Raumumfang, die teilweise erhalten und – naturgemäß – in ein Hotel umgebaut werden. La Grazia wird damit das Schicksal der Insel San Clemente, seit einigen Jahren ein Luxushotel, teilen.