Wie ein Schlag in den Nacken wirkt der Anblick des Bacino di San Marco mit den riesigen Werbungen am Palazzo Ducale und an der Libreria. Das Unternehmen dottor group, das, so scheint es, derzeit jede größere Baustelle in Venedig bearbeiten darf, hat die gesamte Fläche “ihres” Gerüstes an wechselnde Werber untervermietet. Getauft wurde der Himmel “cielo dei sospiri”, Himmel der Seufzer – was sich auf die Seufzerbrücke bezieht, die man nun zwischen den blauweißen Flächen suchen muß und die dekontextualisiert in der Luft zu hängen scheint.


Der Preis für die geschmacklosesten Plakate geht ohne Zweifel an einen Uhrenhersteller aus der Schweiz, dessen Kreationen wie auch die Plakate keiner weiteren Kommentierung bedürfen sollten.


Die Werbung an der Ca Rezzonico ist an sich auf die Mitte des Gerüsts konzentriert, wo der Sponsor und Modehersteller Replay bis vor kurzem in einem aufgedruckten Bilderrahmen dezent für sich warb. Das erschreckende ist hier nicht die Werbung, sondern die Reproduktion der Fassade des Palasts, der ja bekanntlich ein Meisterwerk des Architekten Baldassare Longhena ist. Man kann hier nur hoffen, daß die lieblose, dumme Strichzeichnung, welche die Architektur grotesk verzerrt wiedergeben, nicht als Grundlage für die Restaurierung selbst verwendet werden.



Inzwischen verschwunden ist die Werbung an der Kirche San Simeon Piccolo direkt gegenüber vom Bahnhof. Selbst die Zeitung Corriere della Sera berichtete im Mai darüber, denn die Denkmalpflege hatte das Plakat abgelehnt. Die Agentur, welche die leichtbekleideten Damen, die ausgerechnet an jener Kirche, wo don Konrad zu Loewenstein lateinische Messe zelebriert, dennoch angebracht hat, kam mit einer dreistelligen Strafe davon. Am Rande sei bemerkt, daß die Kurie des stets absenten, in Venedig unbeliebten Karrierekardinals Angelo Scola bereits erwägte, in der Vorhalle der Basilika von Torcello einen Getränkeautomaten aufzustellen.


Die Gallerie dell’Accademia, eines der bedeutendsten Kunstmuseen Italiens, huldigen dem Spätwerk des Malerfürsten Tizian derzeit mit einer Ausstellung. Die im Obergeschoß der ehemaligen Kirche der Carità gezeigten Bilder sind fast ausschließlich von höchster Qualität, die Ausstellungarchitektur, abgesehen von der Hängung der “Hl. Margarethe mit dem Drachen” und der Hintergrundfarbe der Wände, weitgehend gelungen und die Ausleuchtung der Werke durchweg effektiv. Vertreten sind unter anderem die Portraits von Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen (1555), Paul III Farnese aus dem Museum Capodimonte Neapel (siehe Bild), die Allegorie der Lebensalter, die hervorragende Schindung des Marsyas aus dem Bischofspalast Kroměříž und das Ecce Homo aus St. Louis.
Die sehr empfehlenswerte Ausstellung kann noch bis 20. April besucht werden. Der Eintritt kostet 10 Euro. Weitere Informationen gibt es auf der Seite der Ausstellung Ultimo Tiziano.


Detail des Altarblatts von Veronese in San Sebastiano

Die kleineren Kirchen Venedigs, die der Vereinigung Chorus angehören, haben 2007 einen Besucherrekord aufgestellt. Mit 40.000 Besuchern ist Pietro Lombardos Frührenaissancekirche Santa Maria dei Miracoli auf Platz eins, gefolgt von San Polo mit dem Kreuzwegzyklus von Giandomenico Tiepolo und der gotischen Basilika Madonna dell’Orto im Sestiere Cannaregio, sowie San Sebastiano mit der hervorragenden malerischen Ausstattung von Paulo Veronese und den spätbarocken Gesuati mit den Fresken Giambattista Tiepolos. Selbst die etwas abgelegene Kirchen San Giacomo dall’Orio zählte noch 19.000 Besucher. Für die Frari-Kirche, die ebenfalls zu Chorus gehört und die älteren Statistiken zufolge 400.000 Besucher jährlich empfing, wurden keine neuen Daten bekannt. Ähnlich viele Besucher dürfen für die Dominikanerkirche Zanipolo im Norden der Stadt vermutet werden, die nicht zu Chorus gehört, aber inzwischen ebenfalls 2.50 € Eintritt verlangt.

Palazzo Labia

Klare Nachrichten darüber fehlen bislang. Gerüchten zufolge plant der italienische Rundfunk RAI, Eigentümer des Palazzo Labia, diesen zu verkaufen, um angesichts der derzeit erzielbaren Preise kräftig Kasse zu machen. Bislang sind in dem Gebäude, zweifellos einer der prächtigsten Paläste Venedigs, Büros des Rundfunks untergebracht, die aufs Festland verlagert werden würde – eine weitere kurzsichtige Standortentscheidung zu Ungunsten der Altstadt. Unter den bekannt gewordenen Interessenten ist angeblich auch der achtzigjährige Mailänder Industrielle Angelo Guido Terruzzi, der beim Tauziehen um den Palazzo Grassi den kürzeren gezogen hatte. In der Tat gäbe es wohl keinen geeigneteren Ort als den Palazzo Labia, um Terruzzis Sammlung barocker Malerei zu beherbergen – und damit gleichzeitig eines der Hauptwerke Giovanni Battista Tiepolos, den Freskenzyklus der Geschichte Antonios und Kleopatras im Ballsaal des Palasts, einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

Der französischer Industriemagnat Francois Pinault, bereits Eigentümer des Palazzo Grassi, bekam den Zuschlag für die Dogana. Das Angebot der S. Guggenheim Foundation schied aufgrund eines Formfehlers aus, da die Amerikaner nicht die geforderte Mindestanzahl von dauerhaft auszustellenden Werken mit Namen des Künstlers und des Werkes angegeben hatten. Die Region Veneto, Unterstützer der Offerte Guggenheim, hat daraufhin protestiert. Guggenheim selbst gab sich mit der Niederlage zufrieden und sucht mittlerweile nach einer anderen Immobilie, in der die geplante Erweiterung der Ausstellungsfläche ihr Zuhause finden kann. Im Gespräch sind unter anderem der Fondaco dei Tedeschi am Rialto und der Palast Manfrin im Cannaregio.