biglietteria elettronica

Ein Musterbeispiel alla veneziana, wie die Stadt doch noch zur Moderne aufschließen kann, lieferte jetzt die Verkehrsgesellschaft ACTV. Im Jahre 2009, immerhin, hat sie es geschafft, eine Handvoll elektronischer Fahrkartenautomaten aufzustellen, von denen einige mittlerweile wieder außer Betrieb, aber mit einem Schild “next opening” ausgestattet sind. Die Bedienbarkeit ohne berührungsempfindlichen Bildschirm und mit seitlich angeordneten, schwergängigen Tasten läßt sehr zu wünschen übrig; die in der Maschine enthaltenen Billets sind offenbar schnell aufgebraucht und werden selten nachgefüllt. Inhaber der carta venezia konnten keine Abonnements aufladen, wenn auf der Chipkarte noch Einzelfahrkarten vorhanden waren. Dementsprechend konnten die sicher teuren Geräte an Stoßtagen nichts zur Verkürzung der Warteschlagen vor normalen Verkaufsschaltern, die auch künftig nicht obsolet werden dürften, beitragen


Wie ein Schlag in den Nacken wirkt der Anblick des Bacino di San Marco mit den riesigen Werbungen am Palazzo Ducale und an der Libreria. Das Unternehmen dottor group, das, so scheint es, derzeit jede größere Baustelle in Venedig bearbeiten darf, hat die gesamte Fläche “ihres” Gerüstes an wechselnde Werber untervermietet. Getauft wurde der Himmel “cielo dei sospiri”, Himmel der Seufzer – was sich auf die Seufzerbrücke bezieht, die man nun zwischen den blauweißen Flächen suchen muß und die dekontextualisiert in der Luft zu hängen scheint.


Der Preis für die geschmacklosesten Plakate geht ohne Zweifel an einen Uhrenhersteller aus der Schweiz, dessen Kreationen wie auch die Plakate keiner weiteren Kommentierung bedürfen sollten.


Die Werbung an der Ca Rezzonico ist an sich auf die Mitte des Gerüsts konzentriert, wo der Sponsor und Modehersteller Replay bis vor kurzem in einem aufgedruckten Bilderrahmen dezent für sich warb. Das erschreckende ist hier nicht die Werbung, sondern die Reproduktion der Fassade des Palasts, der ja bekanntlich ein Meisterwerk des Architekten Baldassare Longhena ist. Man kann hier nur hoffen, daß die lieblose, dumme Strichzeichnung, welche die Architektur grotesk verzerrt wiedergeben, nicht als Grundlage für die Restaurierung selbst verwendet werden.



Inzwischen verschwunden ist die Werbung an der Kirche San Simeon Piccolo direkt gegenüber vom Bahnhof. Selbst die Zeitung Corriere della Sera berichtete im Mai darüber, denn die Denkmalpflege hatte das Plakat abgelehnt. Die Agentur, welche die leichtbekleideten Damen, die ausgerechnet an jener Kirche, wo don Konrad zu Loewenstein lateinische Messe zelebriert, dennoch angebracht hat, kam mit einer dreistelligen Strafe davon. Am Rande sei bemerkt, daß die Kurie des stets absenten, in Venedig unbeliebten Karrierekardinals Angelo Scola bereits erwägte, in der Vorhalle der Basilika von Torcello einen Getränkeautomaten aufzustellen.

Ende Dezember 2008 wurde nach jahrelanger Restaurierung das Museum im Palazzo Grimani eröffnet. Der von außen unscheinbare, herbe Bau wurde bald nach der Mitte des 16. Jahrhunderts für Giovanni Grimani, Patriarchen von Acquileia, errichtet und in der Folge von den Nachkommen seines Bruders Vettor bis ins 19. Jahrhundert bewohnt. Nach dem Aussterben dieser Linie der Grimani genannt “Spago” verfiel der Palast und wurde schließlich vom italienischen Staat erworben. Die prachtvollen erhaltenen Innenausstattungen der Renaissance werden jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allerdings handelt es sich nicht um ein Museum im klassischen Sinne, wo bald nach dem Eingangstor ein Schalter zum Erwerb von Eintrittskarten existiert: stattdessen informiert ein Aushang vor dem Portal, daß der Eintritt nur auf der offiziellen Internetseite des Palazzo Grimani gebucht werden kann. Dort wird man aufgefordert, sich für eine der verpflichtenden Führungen, welche dreimal am Tage stattfinden, anzumelden, und via Kreditkarte einen Euro als “Reservierungsgebühr” zu überweisen. Das komplizierte, in ähnlicher Form bereits an der Cappella degli Scrovegni in Padua eingesetzte System hat aber auch seine guten Seiten: durch die künstliche Nachfrageregulierung bleiben jene Touristen außen vor, auf die Venedig ohnehin lieber verzichten würde.
Anläßlich der Restaurierung ist auch eine empfehlenswerte Publikation im Verlagshaus scripta erschienen.

Eine böse Überraschung gab es am Vormittag des ersten Dezember für Venezianer und ihre Gäste: Acqua alta mit 159 cm über dem normalen Niveau. Damit blieb die bisherige Rekordmarke des neuen Jahrtausends nur wenige Zentimeter unter der berühmten Flut des vorherigen Jahrhunderts. Schuld war, wie zumeist, der Scirocco-Wind, der gewaltige Wassermassen in die Hafeneinfahrten bei Punta Sabbioni und Chioggia drückte. Die noch in den Morgenstunden ausgelegten “passerelle”, Stege, welche an besonders frequentierten Stellen wie der Riva degli Schiavoni den Fußgängerverkehr erlauben sollten, wurden teilweise einfach weggespült, in jedem Falle aber unpassierbar. Ein angekündigter und bis zum Ende durchgehaltener Streik der Verkehrsbetriebe brachte die Infrastruktur vollends zum Erliegen. Erste Schätzungen gehen von Schäden bis zu zehn Millionen Euro aus, die vor allem Geschäftsleuten entstanden, die ihre Läden nicht rechtzeitig abdichten konnten. Auch der Weihnachtsmarkt auf dem Campo San Stefano war betroffen.
Verteidiger des umstrittenen, im Bau befindlichen Hochwasserschutzsystems “MOSE” sehen sich nunmehr in ihrer Haltung bestätigt und fordern die Gegner auf, ihren Widerstand aufzugeben. Selbst der amtierende Bürgermeister Cacciari, der sich bislang, nicht zuletzt mit dem Ziel des Stimmenfangs am linken Rand, in die Reihen der “NO MOSE” einordnete, scheint mittlerweile nachdenklich geworden zu sein.

Weiß gewinnt gegen Rot

11. Juni 2008

Immer wenn es ans Abbauen der Baugerüste an Fassaden geht, steigt die Spannung. Wieviel ist noch übrig? Und wie ist der neue Verputz? Ungeachtet der zahlreichen unangenehmen Überraschungen, die die Architekten jüngst bereithielten, gibt es auch positive Beispiele, zuvörderst die in der Endphase befindliche, vom Architekten Maurizio Erlicher durchgeführte Neuverputzung des Palazzo Mocenigo Casa Vecchia gegenüber der Vaporettohaltestelle San Tomà, der jüngst in mehrere Wohnungen aufgeteilt wurde. Erfreulicherweise hat man sich entschieden, den ockerfarbenen Putz des 20. Jahrhunderts durch einen weißen Marmorino zu ersetzen, der der ursprünglichen Farbgebung entsprechen dürfte. Durch den Verzicht auf die Reinigung der Steinteile fällt der Kontrast nicht so stark aus. Weniger glücklich endeten die Putzarbeiten am Palazzo Barbarigo della Terrazza, dem Sitz des Deutschen Studienzentrums in Venedig: nach einem halben Jahr, in dem man vergeblich hoffen durfte, daß die neue rote Farbe an der Seite zum Canal Grande etwas von ihrer Aggressivität verliert, zeigt sich der ohnehin nicht besonders ansehnliche Palazzo in drei verschiedenen Putztönen in Rot und Grau. Warum das Denkmalamt hier nicht auf einem ähnlichen Verputz in weißem Marmorino bestand, wie er immerhin durch die Ansicht von Canaletto belegt ist, bleibt ein Rätsel. Auch im Ensemble mit den Nachbargebäuden ist das Ergebnis unbefriedigend.