Berlusconis vergebliche Wohnungssuche
16. Januar 2010
Großes Polizeiaufgebot am Samstagmorgen im Canal Grande: Vier Boote und mehrere Taucher sichern den Palazzo Pisani-Moretta. Denn Silvio Berlusconi fliegt zu einer Besichtigung ein. Gerüchte machen die Runde, der Ministerpräsident, der seit Jahren eine Immobilie in Venedig erwerben möchte, wolle den Palast kaufen. Tatsächlich ist der oft als Partypalazzo vermietete Bau am Canal Grande sowohl von außen als auch innen eine der schönsten Residenzen der Lagunenstadt. Unklar ist aber überhaupt, ob die Eigentümer, deren Vorfahren im 17. Jahrhundert den Palast erwarben, ihn überhaupt verkaufen wollen. Sicher ist aber angesichts der Größe, daß die in Lokalzeitungen ventilierte Summe von 13 Millionen Euro mehr als untertrieben sein dürfte. Am Ende kaufte der “Cavaliere” nicht, denn angeblich sei die Immobilie zu groß. Wahrscheinlicher ist hingegen, daß die Sicherheitslage problematisch werden würde, denn unmittelbar grenzt nicht nur das Deutsche Studienzentrum in Venedig, sondern auch eines der unzähligen Hotels an. Aus Sicherheitsgründen hatte Berlusconi bereits in der Vergangenheit das neben der Salute-Kirche gelegene ehemalige Kloster San Gregorio verschmäht: vom benachbarten *****L-Hotel hätte man in den Innenhof sehen und gelangen können…
San Michele wieder geöffnet
4. November 2009
Nach gut zwei Jahren Restaurierung im Auftrag der Stadt wurde an Allerseelen, zweiter November, die Kirche San Michele wiedereröffnet. Da es sich um die erste Frührenaissancekirche des venezianischen Archipels und um ein Werk des genialen Architekten Mauro Codussi handelt, ist dies ein Grund, näher hinzuschauen. Die Restaurierung betraf ausschließlich den Innenraum, der jetzt in ungewohnten weiß hell erstrahlt. Allfällige spätere dunklere Schichten auf dem weißen Marmorinoputz wurden entfernt, und Fehlstellen ergänzt. Eine prächtige Farbwirkung geht jetzt von der gereingten partiellen Marmorverkleidung am Übergang von Mittelschiff zur Vierungskuppel aus. Überaus störend sind hingegen die großen, monströsen Lampen, die an zwei Seiten der Mittelschiffkapitelle angebracht wurden und die die Kassettendecke beleuchten. Das Datum der Übergabe, bei der auch der Patriach nebst Weihbischof anwesend waren, war politisch konnotiert. Faktisch ist die Restaurierung noch nicht beendet, da weite Teile der Holzverkleidung noch fehlen. Ob die Kirchenbänke wieder zurückkehren war nicht zu klären, derzeit ist San Michiele, ebenso wie die Basilika auf Torcello, mit faltbaren Sitzreihen bestückt, die den Gläubigen nicht die Möglichkeit des Knienes erlauben. Immerhin handelt es sich nach wie vor um eine katholische Kirche.
Olympia Venedig 2020
12. Oktober 2009
Die Nachricht platzte wie eine Bombe: Venedig will für die Austragung der olympischen Spiele 2020 kandidieren und will hierfür im innernationalen Wettbewerb gegen Rom antreten. Allenthalben ist von einer Jahrhundertgelegenheit (nur für wen?) die Rede; eine Olympiade sei, so andere, eine noch zehnmal größere Chance (für was?) als eine Weltausstellung, die vor einigen Jahren, zum Glück für die Stadt, nicht stattfand. Und welches Venedig eigentlich? Das, was inzwischen ausnahmslos und fälschlicherweise als centro storico, zu deutsch Altstadt beschrieben wird, sollte aus naheliegenden Gründen eigentlich ausscheiden. Das allfällige olympische Dorf würde nur im industriellen Niemandsland der grauen Städte Mestre und Marghera entstehen können, und der Name der einst großen, heute von Spekulation und tausenden Tagestouristen gebeutelten Lagunenstadt wird als Etikett herhalten müssen. Doch wie soll das unter den Faschisten entstandene Groß-Venedig mit einer Olympiade fertig werden, wenn es nicht einmal den überbordenden Tourismus zu verdauen vermag? Der Enthusiasmus ist groß ebenso wie das Projekt selbst nebulös; Gegner sind bisher nicht auszumachen. Der Venedig-Blog jedenfalls drückt Rom beide Daumen.
Neu: elektronische Fahrkartenautomaten
9. Oktober 2009

Ein Musterbeispiel alla veneziana, wie die Stadt doch noch zur Moderne aufschließen kann, lieferte jetzt die Verkehrsgesellschaft ACTV. Im Jahre 2009, immerhin, hat sie es geschafft, eine Handvoll elektronischer Fahrkartenautomaten aufzustellen, von denen einige mittlerweile wieder außer Betrieb, aber mit einem Schild “next opening” ausgestattet sind. Die Bedienbarkeit ohne berührungsempfindlichen Bildschirm und mit seitlich angeordneten, schwergängigen Tasten läßt sehr zu wünschen übrig; die in der Maschine enthaltenen Billets sind offenbar schnell aufgebraucht und werden selten nachgefüllt. Inhaber der carta venezia konnten keine Abonnements aufladen, wenn auf der Chipkarte noch Einzelfahrkarten vorhanden waren. Dementsprechend konnten die sicher teuren Geräte an Stoßtagen nichts zur Verkürzung der Warteschlagen vor normalen Verkaufsschaltern, die auch künftig nicht obsolet werden dürften, beitragen
Die Stadt der Mega-Plakate
24. Juni 2009

Wie ein Schlag in den Nacken wirkt der Anblick des Bacino di San Marco mit den riesigen Werbungen am Palazzo Ducale und an der Libreria. Das Unternehmen dottor group, das, so scheint es, derzeit jede größere Baustelle in Venedig bearbeiten darf, hat die gesamte Fläche “ihres” Gerüstes an wechselnde Werber untervermietet. Getauft wurde der Himmel “cielo dei sospiri”, Himmel der Seufzer – was sich auf die Seufzerbrücke bezieht, die man nun zwischen den blauweißen Flächen suchen muß und die dekontextualisiert in der Luft zu hängen scheint.

Der Preis für die geschmacklosesten Plakate geht ohne Zweifel an einen Uhrenhersteller aus der Schweiz, dessen Kreationen wie auch die Plakate keiner weiteren Kommentierung bedürfen sollten.

Die Werbung an der Ca Rezzonico ist an sich auf die Mitte des Gerüsts konzentriert, wo der Sponsor und Modehersteller Replay bis vor kurzem in einem aufgedruckten Bilderrahmen dezent für sich warb. Das erschreckende ist hier nicht die Werbung, sondern die Reproduktion der Fassade des Palasts, der ja bekanntlich ein Meisterwerk des Architekten Baldassare Longhena ist. Man kann hier nur hoffen, daß die lieblose, dumme Strichzeichnung, welche die Architektur grotesk verzerrt wiedergeben, nicht als Grundlage für die Restaurierung selbst verwendet werden.


Inzwischen verschwunden ist die Werbung an der Kirche San Simeon Piccolo direkt gegenüber vom Bahnhof. Selbst die Zeitung Corriere della Sera berichtete im Mai darüber, denn die Denkmalpflege hatte das Plakat abgelehnt. Die Agentur, welche die leichtbekleideten Damen, die ausgerechnet an jener Kirche, wo don Konrad zu Loewenstein lateinische Messe zelebriert, dennoch angebracht hat, kam mit einer dreistelligen Strafe davon. Am Rande sei bemerkt, daß die Kurie des stets absenten, in Venedig unbeliebten Karrierekardinals Angelo Scola bereits erwägte, in der Vorhalle der Basilika von Torcello einen Getränkeautomaten aufzustellen.




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