Olympia Venedig 2020
12. Oktober 2009
Die Nachricht platzte wie eine Bombe: Venedig will für die Austragung der olympischen Spiele 2020 kandidieren und will hierfür im innernationalen Wettbewerb gegen Rom antreten. Allenthalben ist von einer Jahrhundertgelegenheit (nur für wen?) die Rede; eine Olympiade sei, so andere, eine noch zehnmal größere Chance (für was?) als eine Weltausstellung, die vor einigen Jahren, zum Glück für die Stadt, nicht stattfand. Und welches Venedig eigentlich? Das, was inzwischen ausnahmslos und fälschlicherweise als centro storico, zu deutsch Altstadt beschrieben wird, sollte aus naheliegenden Gründen eigentlich ausscheiden. Das allfällige olympische Dorf würde nur im industriellen Niemandsland der grauen Städte Mestre und Marghera entstehen können, und der Name der einst großen, heute von Spekulation und tausenden Tagestouristen gebeutelten Lagunenstadt wird als Etikett herhalten müssen. Doch wie soll das unter den Faschisten entstandene Groß-Venedig mit einer Olympiade fertig werden, wenn es nicht einmal den überbordenden Tourismus zu verdauen vermag? Der Enthusiasmus ist groß ebenso wie das Projekt selbst nebulös; Gegner sind bisher nicht auszumachen. Der Venedig-Blog jedenfalls drückt Rom beide Daumen.
Neu: elektronische Fahrkartenautomaten
9. Oktober 2009

Ein Musterbeispiel alla veneziana, wie die Stadt doch noch zur Moderne aufschließen kann, lieferte jetzt die Verkehrsgesellschaft ACTV. Im Jahre 2009, immerhin, hat sie es geschafft, eine Handvoll elektronischer Fahrkartenautomaten aufzustellen, von denen einige mittlerweile wieder außer Betrieb, aber mit einem Schild “next opening” ausgestattet sind. Die Bedienbarkeit ohne berührungsempfindlichen Bildschirm und mit seitlich angeordneten, schwergängigen Tasten läßt sehr zu wünschen übrig; die in der Maschine enthaltenen Billets sind offenbar schnell aufgebraucht und werden selten nachgefüllt. Inhaber der carta venezia konnten keine Abonnements aufladen, wenn auf der Chipkarte noch Einzelfahrkarten vorhanden waren. Dementsprechend konnten die sicher teuren Geräte an Stoßtagen nichts zur Verkürzung der Warteschlagen vor normalen Verkaufsschaltern, die auch künftig nicht obsolet werden dürften, beitragen
Die Stadt der Mega-Plakate
24. Juni 2009

Wie ein Schlag in den Nacken wirkt der Anblick des Bacino di San Marco mit den riesigen Werbungen am Palazzo Ducale und an der Libreria. Das Unternehmen dottor group, das, so scheint es, derzeit jede größere Baustelle in Venedig bearbeiten darf, hat die gesamte Fläche “ihres” Gerüstes an wechselnde Werber untervermietet. Getauft wurde der Himmel “cielo dei sospiri”, Himmel der Seufzer – was sich auf die Seufzerbrücke bezieht, die man nun zwischen den blauweißen Flächen suchen muß und die dekontextualisiert in der Luft zu hängen scheint.

Der Preis für die geschmacklosesten Plakate geht ohne Zweifel an einen Uhrenhersteller aus der Schweiz, dessen Kreationen wie auch die Plakate keiner weiteren Kommentierung bedürfen sollten.

Die Werbung an der Ca Rezzonico ist an sich auf die Mitte des Gerüsts konzentriert, wo der Sponsor und Modehersteller Replay bis vor kurzem in einem aufgedruckten Bilderrahmen dezent für sich warb. Das erschreckende ist hier nicht die Werbung, sondern die Reproduktion der Fassade des Palasts, der ja bekanntlich ein Meisterwerk des Architekten Baldassare Longhena ist. Man kann hier nur hoffen, daß die lieblose, dumme Strichzeichnung, welche die Architektur grotesk verzerrt wiedergeben, nicht als Grundlage für die Restaurierung selbst verwendet werden.


Inzwischen verschwunden ist die Werbung an der Kirche San Simeon Piccolo direkt gegenüber vom Bahnhof. Selbst die Zeitung Corriere della Sera berichtete im Mai darüber, denn die Denkmalpflege hatte das Plakat abgelehnt. Die Agentur, welche die leichtbekleideten Damen, die ausgerechnet an jener Kirche, wo don Konrad zu Loewenstein lateinische Messe zelebriert, dennoch angebracht hat, kam mit einer dreistelligen Strafe davon. Am Rande sei bemerkt, daß die Kurie des stets absenten, in Venedig unbeliebten Karrierekardinals Angelo Scola bereits erwägte, in der Vorhalle der Basilika von Torcello einen Getränkeautomaten aufzustellen.
Museum im Palazzo Grimani eröffnet
18. Januar 2009
Ende Dezember 2008 wurde nach jahrelanger Restaurierung das Museum im Palazzo Grimani eröffnet. Der von außen unscheinbare, herbe Bau wurde bald nach der Mitte des 16. Jahrhunderts für Giovanni Grimani, Patriarchen von Acquileia, errichtet und in der Folge von den Nachkommen seines Bruders Vettor bis ins 19. Jahrhundert bewohnt. Nach dem Aussterben dieser Linie der Grimani genannt “Spago” verfiel der Palast und wurde schließlich vom italienischen Staat erworben. Die prachtvollen erhaltenen Innenausstattungen der Renaissance werden jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allerdings handelt es sich nicht um ein Museum im klassischen Sinne, wo bald nach dem Eingangstor ein Schalter zum Erwerb von Eintrittskarten existiert: stattdessen informiert ein Aushang vor dem Portal, daß der Eintritt nur auf der offiziellen Internetseite des Palazzo Grimani gebucht werden kann. Dort wird man aufgefordert, sich für eine der verpflichtenden Führungen, welche dreimal am Tage stattfinden, anzumelden, und via Kreditkarte einen Euro als “Reservierungsgebühr” zu überweisen. Das komplizierte, in ähnlicher Form bereits an der Cappella degli Scrovegni in Padua eingesetzte System hat aber auch seine guten Seiten: durch die künstliche Nachfrageregulierung bleiben jene Touristen außen vor, auf die Venedig ohnehin lieber verzichten würde.
Anläßlich der Restaurierung ist auch eine empfehlenswerte Publikation im Verlagshaus scripta erschienen.
“Acqua granda”: Hochwasser am 1. Dezember
1. Dezember 2008
Eine böse Überraschung gab es am Vormittag des ersten Dezember für Venezianer und ihre Gäste: Acqua alta mit 159 cm über dem normalen Niveau. Damit blieb die bisherige Rekordmarke des neuen Jahrtausends nur wenige Zentimeter unter der berühmten Flut des vorherigen Jahrhunderts. Schuld war, wie zumeist, der Scirocco-Wind, der gewaltige Wassermassen in die Hafeneinfahrten bei Punta Sabbioni und Chioggia drückte. Die noch in den Morgenstunden ausgelegten “passerelle”, Stege, welche an besonders frequentierten Stellen wie der Riva degli Schiavoni den Fußgängerverkehr erlauben sollten, wurden teilweise einfach weggespült, in jedem Falle aber unpassierbar. Ein angekündigter und bis zum Ende durchgehaltener Streik der Verkehrsbetriebe brachte die Infrastruktur vollends zum Erliegen. Erste Schätzungen gehen von Schäden bis zu zehn Millionen Euro aus, die vor allem Geschäftsleuten entstanden, die ihre Läden nicht rechtzeitig abdichten konnten. Auch der Weihnachtsmarkt auf dem Campo San Stefano war betroffen.
Verteidiger des umstrittenen, im Bau befindlichen Hochwasserschutzsystems “MOSE” sehen sich nunmehr in ihrer Haltung bestätigt und fordern die Gegner auf, ihren Widerstand aufzugeben. Selbst der amtierende Bürgermeister Cacciari, der sich bislang, nicht zuletzt mit dem Ziel des Stimmenfangs am linken Rand, in die Reihen der “NO MOSE” einordnete, scheint mittlerweile nachdenklich geworden zu sein.



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